Silicon Mountains

Silicon Mountains ist ein am Institut für Sozialanthropologie entstandenes Projekt, das sich mit den Schweizer Alpen im digitalen Zeitalter beschäftigt. Ausgangspunkt sind die digitalen Technologien, die unsere Lebens- und Arbeitswelten grundlegend verändern und zu einer Umstrukturierung der räumlichen Ordnung beitragen, die unter den Voraussetzungen vorindustrieller und industrieller Wirtschaftsweisen entstanden sind. Waren bis anhin die Städte und Verkehrsadern Zentrum der arbeitsteiligen Produktion und des Handels, im Gegensatz zu den landwirtschaftlichen Peripherien, so könnte sich dies mit der voranschreitenden Ausbreitung digitaler Technologien und der Entwicklung einer multilokalen Arbeitswelt ins Gegenteil kehren.

So gibt es bereits Beispiele für die Ansiedlung von ArbeiterInnen der Kreativindustrie oder von IT-intensiven Unternehmen im alpinen Raum; etwa im Kanton Graubünden, wo sich die Initiative «Mia Engiadina – Your first third place» dem Ziel verschrieben hat, durch die Verlegung eines schnellen Glasfasernetzes in den Gemeinden des Unterengadins gezielt Informatiker und digitale KreativarbeiterInnen anzusiedeln, um die lokale Wirtschaft zu fördern und der Landflucht einheimischer Jugendlicher entgegenzuwirken. Dies mit Erfolg: Mia Engiadina hat, wie erhofft, «digitale Eliten» in den Bereichen IT, Kommunikation, E-commerce and Design angezogen. Interessant ist hierbei die Frage, inwiefern durch diese Entwicklung die wirtschaftlichen, demographischen, politischen, kulturellen und linguistischen Verhältnisse verändert werden und wie sich z.B. das soziale Gefüge eines Dorfes wandelt.

IT-Unternehmen können jedoch auch spezifisch an den Alpen als physischem Produktionsort interessiert sein. Dies wird am Beispiel des Kryptomining deutlich. Hierfür bieten die Alpen aufgrund der grossen Wasserkraftwerke, des kühlen Klimas und der zahlreich vorhandenen ehemals militärisch genutzten Stollen ideale Voraussetzungen. In Gondo (VS) und Linthal (GL) haben sich Betreiber von Rechenzentren angesiedelt, da sie vom billigen Stromtarif für Anwohner profitieren können und ihre Anlagen hier besser und billiger kühlen und vor Zugriffen schützen können als anderswo. Das Kryptomining erfordert extrem hohe Rechenleistungen: In globaler Konkurrenz "schürfen" Computer-Konsortien in einem "kompetitive Buchhaltung" genannten Prozess, um die Belohnung für die erfolgreiche Verifizierung eines "Blocks" von Transaktionen in Kryptowährung in der Form einer bestimmten Menge ebendieser Kryptowährung. Der weltweite Stromverbrauch für das Schürfen von Kryptowährungen beläuft sich je nach Schätzung inzwischen auf die Leistung von einem bis drei Atomkraftwerken. Der Kostendruck hat dazu geführt, dass sich das Kryptomining heute nur noch an kühlen Orten in unmittelbarer Nähe von Kohle-, Atom- und Wasserkraftwerken lohnt – beispielsweise im chinesischen Himalaya, in Island, Nordschweden, Kanada oder in den Schweizer Alpen.

Silicon Mountains knüpft an diesen Entwicklungen an und erschliesst ein, für die Sozialanthropologie, neues Forschungsfeld, das anhand verschiedener, bereits bestehender sozialanthropologischer Forschungsaspekte wie Genderdiskursen, Gentrifizierung, Kultur-Natur-Diskursen, kollektiv genutzten Ressourcen und alpinen Land- und Nutzungsrechten, Arbeits- und Steuerrecht, lokaler vs. digitaler Wirtschaft und politischer Partizipation untersucht werden sollen.

Die digitalen Technologien sind jedoch auch relevant für andere Disziplinen. Gefragt ist demnach ein interdisziplinärer Austausch von Sichtweisen und Forschungsbeiträgen. Ziele sind regelmässige Lehrveranstaltungen zum Thema zu organisieren, den wissenschaftlichen Austausch sowie die Vernetzung mit schweizerischen und internationalen Institutionen, die ebenfalls in der Alpenforschung tätigt sind, zu fördern, die Entwicklung von Forschungsprojekten zu ermöglichen und schliesslich als Projektabschluss eine Ausstellung im Alpinen Museum zu organisieren. Konkret geht es letztendlich darum in interdisziplinärer und interfakultärer Zusammenarbeit der Frage nachzugehen, wie Digitalisierungsprozesse zu Veränderungen der Schweizer Alpen als ökonomischem, kulturellem und politischem Raum führen.

Hier geht es zur Projektwebsite.

Beteiligte:

Institut für Sozialanthropologie:

  • Dr. Heinzpeter Znoj: Anthropologie der Arbeit und des Geldes, Kryptomining.
  • Dr. Tobias Haller: kommunale Land und Energienutzungsregimes (Wasserkraft) in den Schweizer Alpen.
  • Dr. Sabine Strasser: Soziale Stratifikation in den Schweizer Alpen.
  • Dr. Michaela Schäuble: Medienanthropologie und digitaler Wandel in der Kreativindustrie.
  • Dr. Julia Eckert: Arbeits- und steuerrechtliche Bedingungen der ortsunabhängigen digitalen Arbeit.

Geographisches Institut:

  • Dr. Jean-David Gerber: Ressourcennutzungsveränderungen im Alpenraum, Raumentwicklung und Raumplanung.

Centre for Development and Environment:

  • Dr. Thomas Breu: Mitherausgeber der Zeitschrift «Mountain Research and Development».
  • Dr. Elisabeth Bürgi-Bonanomi: Leiterin des Sustainability Governance Cluster.

Historisches Institut:

  • Dr. Silvia Berger Ziauddin: Die Schweiz unter Grund und vertikale Blicke, Infrastrukturen und Technologien (19.-21. Jh.).

HES-SO Valais:

  • Dr. Viviane Cretton : Projektleiterin : « Devenir local en zone de montagne: diversification, gentrification, cohabitation. Une comparaison Alpes suisses-Pyrénées espagnoles »
  • Dr. Andrea Friedli: wissenschaftliche Projektmitarbeiterin : «Devenir local en zone de montagne: diversification, gentrification, cohabitation. Une comparaison Alpes suisses-Pyrénées espagnoles »
  • Dr. Thierry Amrein: Visiting Researcher HES-SO Valais: Gender Anthropologie

Koordination:

Ariane Zangger:  ariane.zangger@anthro.unibe.ch