Malte Spitz

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Forschungsprojekt: Philologie der Zwischenzeit

Herbert List: Fragmente auf der Südseite des Siegestores, München 1946. © HERBERT LIST - pro.magnumphotos.com / HERBERT LIST ESTATE

Philologie der Zwischenzeit: Literatur(wissenschaft) zwischen 1945 und 1949

Die deutschsprachige Literatur und Literaturwissenschaft sahen sich spätestens bei Kriegsende 1945 mit der Frage konfrontiert, welche Konsequenzen der Zivilisationsbruch für das literarische Schreiben und die Erforschung seiner Geschichte haben musste. Wie war umzugehen mit der Tatsache, dass die Nationalsozialisten Literatur gnadenlos in ihr totalitäres System integriert hatten? Goethe wurde verklärt, die Romantik vereinnahmt, Heines Werk verbannt und die Sprache verbrämt. Die einen sahen im Kahlschlag – also im völligen formalen Neubeginn als literarische Verarbeitung der unmittelbaren Gegenwart – die Losung. Andere stellten sich der Aufgabe, zwölf Jahre Faschismus seien von nun an unumgänglicher Teil der Geschichte der deutschsprachigen Literatur und müssen in und mit ihr verhandelt werden. Wieder andere gestalteten und reflektierten das von den USA initiierte kulturpolitische Projekt der Reeducation. Das Forschungsprojekte widmet sich diesen Aspekten vergleichend und anhand der vier Philologen Jonas Fränkel, Hans Mayer, Walter Berendsohn und Richard Alewyn.

Forschungsprojekt: Gleise und Grenzerfahrungen

Friedrich Dürrenmatt, Die Katastrophe, Öl, Gouache auf Leinwand, 1966, in: Friedrich Dürrenmatt : Schriftsteller und Maler. Ausstellungskatalog, Hrsg. vom Schweizerischen Literaturarchiv und Kunsthaus Zürich. Bern und Zürich, 1994, S. 22

Gleise und Grenzerfahrungen: Eine Literaturgeschichte der Eisenbahn

Die Eisenbahn ist mehr als nur ein Transportmittel; sie ist ein Zentralsymbol der Moderne, das die menschliche Wahrnehmung von Raum und Zeit grundlegend verändert hat. Während die literaturwissenschaftliche Forschung lange Zeit davon ausging, dass die Bedeutung der Bahn als literarisches Motiv nach dem frühen 20. Jahrhundert durch die Vormachtstellung des Automobils schwand, erleben wir heute – angesichts Klimakrise, neuer Mobilitätskonzepte und einem Sinn nach Entschleunigung – eine Renaissance des Schienenverkehrs auch in der Literatur. Das Projekt untersucht die wechselvolle Geschichte des Schienenverkehrs zwischen technologischem Fortschritt und literarischer Interpretation. Analysiert wird, wie die „Vernichtung von Raum und Zeit“ (Wolfgang Schivelbusch) Eingang in ästhetische Verfahren gefunden hat und wie die Bahn als Ort für soziale Rituale, psychologische Grenzzustände und politische Diskurse fungiert. Seit ihrer ersten Fahrt als öffentliches Verkehrsmittel (1825) brachte die Bahn die Menschen näher zusammen, war aber auch bei kriegerischen Auseinandersetzungen im Einsatz; während des Zweiten Weltkrieges war sie der Logistik des Todes unersetzlich. Das Projekt unternimmt vergleichende Einzelstudien zu u.a. Joseph v. Eichendorff und Heinrich Heine, Gerhart Hauptmann, Thomas Mann und Theodor Fontane, Franz Kafka und Sigmund Freud, Mascha Kaléko, Patricia Highsmith, Bertolt Brecht und Peter Weiss, Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch, aber auch zeitgenössischen Autoren wie W.G. Sebald, Peter Weber oder Jaroslav Rudiš.

Forschungsinteressen

  • deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte
  • Geschichte der Philologie
  • Geschichte der Kritischen Theorie
  • Prager Literatur
  • Literatur und Musik

Publikationen


Monografie

Schreiben in der Diaspora. Der Autor und Musiker Hermann Grab zwischen Prag und Heidelberg, München: edition text + kritik, 2026.

Hermann Grab / Theodor W. Adorno. Bericht einer unveröffentlichten Korrespondenz, in: Valentin Groebner/Anke te Heesen/Christine Wessely/Michael Wildt (Hg.), Sonderdruck, Berlin 2017.

 

Aufsätze

 Folge der Spur des Wassers, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. Mai 2026, S. 10.

Der streitbare Heine-Forscher Jonas Fränkel, in: Heine-Jahrbuch 2025, Metzler 2026, S. 125–139.

„den Krieg hinter der Klaviatur geführt“ – Hermann Grabs Flucht vom Prager Stadtpark in den New Yorker Central Park, in: brücken. Zeitschrift für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft, 2 (32) 2025, S. 117-136.

In seiner Bibliothek hütete Jonas Fränkel einen geheimen Schatz, in: Der Bund vom 13. Oktober 2025.

Mosaics of a Broken World: Hermann Grab’s Social Science, Literature and Music, in: Humanities 2024, 13, 167. 

gemeinsam mit Irmgard Wirtz: Jonas Fränkels Kryptophilologie, in: Geschichte der Philologien (65/66), Wallstein 2024, S. 217-224.

"Das Meer glänzte in seinem tiefsten Blau" Eine kleine Dialektik des Mittelmeeres in Hermann Grabs Erzählung Der Mörder, in: Zeitschrift für interkulturelle Germanistik, 2023, Nr. 14/2, S. 57-86.
 

„Romancier von so epochaler Bedeutung“. Hermann Grab über Marcel Proust im Prag des Jahres 1933, in: Aschkenas 33·(2023), Nr. 2, S. 287–300.
 

Zu den Marcel-Proust-Schauen in Paris. Auf Seite der Mutter. Wie sind die jüdischen Erfahrungen in Malerei und Literatur eingegangen?, in: Der Tagesspiegel vom 15. September 2022, S. 21.
 

Konversion und literarische Strategie – Heinrich Heines Namen, in: Hans-Joachim Hahn (Hg.), Jahrbuch für europäisch-jüdische Literaturstudien, Band 9, Heft 1, Juni 2022, S. 205–232.
 

Als Heinrich Heine einmal drei Monate in Potsdam wohnte, in: Situation Room (Hg.), Alles glüht und blüht, Leipzig 2022, S. 20–29.
 

Hermann Grabs intellektueller Horizont um 1933, in: Dieter Heimböckel/Manfred Weinberg/Steffen Höhne (Hg.), Interkulturalität, Übersetzung, Literatur: Das Beispiel der Prager Moderne, Köln: Böhlau / Brill Deutschland 2022, S. 241–252.
 

Mit Walter Benjamin in der Markthalle. Zur autobiographischen Methode in der Berliner Kindheit um neunzehnhundert, in: Andree Michaelis-König/Kerstin Schoor (Hg.), Kulturelle Standorte jüdischer Existenz (5. Jahrbuch des Selma Stern Zentrums für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg), Leipzig 2021, S. 65–85.


Literarischer Ausweg. Hermann Grab liest Marcel Proust, in: Mimeo. Blog der Doktorandinnen und Doktoranden am Dubnow-Institut, 2021.
 

Rezensionen

Rezension zu: Zimmer, Jörg (Hrsg.): Studien zur frühen Rezeption Walter Benjamins. dialectica minora 26. Köln: Verlag Jürgen Dinter 2016. In: Aufhebung. Zeitschrift für dialektische Philosophie.

Rezension zu: Küpper, Martin; Gaßer, Marvin; Schuhmacher, Isette u. Petsche, Hans-Joachim (Hrsg.): Dialektische Positionen. Kritisches Philosophieren von Hegel bis heute. Eine Vorlesungsreihe. Berlin: trafo Verlagsgruppe 2015. In: Internetzeitschrift Leibniz Online. Nr. 21 (2016).

2024 Doktorprüfung (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder)
Seit 2023 Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Koordinator SNF-Projekt Kryptophilologie. Jonas Fränkels „unterirdische Wissenschaft“ im historischen und politischen Kontext (Walter Benjamin Kolleg Universität Bern, Schweizerisches Literaturarchiv)
2022–2023 Stipendiat der FAZIT-Stiftung
2018–2022 Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Axel Springer-Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur und Kulturgeschichte, Exil und Migration der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder und am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg
2015–2018 Master-Studium Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Abschluss mit einer Masterarbeit zum Thema "Heinrich Heines Namen. Überlegungen zu Konversion und literarischer Strategie"
2011–2015 Bachelor-Studium Deutsche Literatur sowie Kunst-und Bildgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Abschluss mit einer Bachelorarbeit zu der unveröffentlichen Korrespodenz von Hermann Grab und Theodor W. Adorno

Mitgliedschaften

  • Gesellschaft für europäisch-jüdische Literaturstudien
  • Internationale Vereinigung für Germanistik
  • Deutsche Marcel Proust Gesellschaft
  • Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg (assoziiertes Mitglied)
  • Gesellschaft für Exilforschung e.V.
  • Thomas Mann Gesellschaft Zürich