Sprache, Gewalt und Gewalterfahrung in Südost- und Osteuropa im 20. und 21. Jahrhundert

Mehrfach übersprühtes kyrillisch-lateinisches Strassenschild bei Sarajevo.
© Julian Nyča

Der südosteuropäische Raum respektive der Balkan gelten seit Jahrhunderten als Schmelztiegel unterschiedlichster politischer, kultureller, ethnischer, religiöser und sprachlicher Einflüsse. Speziell im 20. Jahrhundert präsentiert sich der Balkan als Schauplatz zahlreicher äusserst dynamischer, politischer und gesellschaftlicher Transformationsprozesse, die häufig mit gewalttätigen Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen einhergehen. Obwohl sich aufgrund dieser Vielfalt und Komplexität interdisziplinäre Untersuchungen und die Kooperation von Forschenden aus verschiedenen Fachrichtungen in besonderer Weise anbieten, um der Heterogenität dieser Region Rechnung zu tragen, findet eine solche Zusammenarbeit in der Südosteuropaforschung bisher kaum statt.

Die Forschungsplattform möchte mit innovativen interdisziplinären Ansätzen dazu beigetragen, diese bemerkenswerten Lücke zu schliessen. Zunächst ist ein verstärkter Austausch im Bereich der geschichts-, sprach- und literaturwissenschaftlichen Erforschung des südosteuropäischen Raums geplant. Die Basis der Kooperation bilden dabei die Habilitationsprojekte der beteiligten WissenschaftlerInnen. Drei grundlegende Begriffe stehen bei allen Forschungsansätzen im Zentrum der Analyse und verbinden die Teilprojekte: Sprache, Gewalt und Gewalterfahrung.

Elias Bounatirou

Elias Bounatirou beschäftigt sich in seinem linguistischen Habilitationsprojekt mit der Bestimmung spezifischer Merkmale der kroatischen Sprache in fiktionaler Prosa aus der Zeit des faschistischen Ustascha-Regimes (1941–1945). Ziel ist es dabei, systematisch die sprachlichen Unterschiede zwischen dem Kroatischen der Ustascha-Zeit und dem früherer Epochen am Beispiel literarischer Texte herauszuarbeiten. Zu diesem Zweck wird ein digitales Textkorpus von Romanen aufgebaut, das einen entsprechenden sprachlichen Vorher-Nachher-Vergleich ermöglicht, darunter insbesondere die Analyse von Texteingriffen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit als Ergebnis faschistischer Zensur zu erklären sind. Dabei ist zu beachten, dass die Herrschaft des Ustascha-Regimes von massiver staatlicher sprachlicher Kontrolle und Repression geprägt war. Entsprechend erforscht das Projekt auch die Ausübung von Gewalt durch Sprache bzw. an Sprache. Im Projekt werden Untersuchungsmethoden der Korpuslinguistik, der Digital Humanities, der Editionswissenschaft und der Geschichtswissenschaft kombiniert.

Rebecca Krug

Rebecca Krug beschäftigt sich in ihrem literaturwissenschaftlichen Habilitationsprojekt mit dem Phänomen der Gewalt bzw. des Gewaltraums u.a. nach Jörg Baberowski und untersucht in einer vergleichenden Studie, wie sich soziologische Theorien zur Gewaltforschung bei der Analyse russischer und bosnischer, kroatischer bzw. serbischer Kriegsliteratur des 20. und 21. Jahrhunderts anwenden lassen. Der Fokus liegt dabei auf zumeist autobiographisch geprägten Texten zur russischen Intervention in Afghanistan, den Tschetschenien-Kriegen sowie den Balkankriegen der 1990er Jahre. Basierend auf dem autobiographischen Hintergrund der Kriegserzählungen wird zudem der Frage nachgegangen, welche Funktion das Schreiben als Bewältigungsstrategie in der Traumaverarbeitung in den konkreten Texten erfüllt und wie die Autoren versuchen, das eigentlich Unfassbare in Worte zu fassen.

Franziska Zaugg

Franziska Zaugg ist seit Februar 2022 Dozentin am Departement für Zeitgeschichte der Universität Fribourg. Seit Sommer 2018 untersucht sie in einem durch den Schweizerischen Nationalfonds/Ambizione finanzierten Projekt Gewaltvorkommen in der Kosovo und Sandzak Region (Arbeitstitel: "A 'longue durée' of violence? War-disrupted Societies in Southeastern Europe"). Sie untersucht dabei, wie Gewalt von 1878 bis in die 2020er Jahre von SüdosteuropäerInnen, lokalen und internationalen Eliten erlebt, ausgeübt, instrumentalisiert, aber auch weitergegeben wird. Die beiden letztgenannten Untersuchungsschwerpunkte werden vorwiegend über Worte abgehandelt. Basierend auf der Untersuchung verschiedenster Quellen, von Protokollen, Befehlen, Zeitungsberichten bis zu Memoiren, erforscht Zaugg, wie Gewalt und Gewalterfahrung über Worte weitergegeben wird, wie Menschen mit Worten anklagen, nach Gerechtigkeit suchen, instrumentalisieren oder aber zum Verstummen gebracht werden und ihnen somit die Worte fehlen.

Leandra Bias

Leandra Bias ist seit Oktober 2022 Postdoktorandin am Institut für Politikwissenschaft. Ihre Forschung liegt an der Schnittstelle zwischen Politikwissenschaft und Geschlechterforschung zu Themen wie Autoritarismus, Anti-Gender-Politik, Aussenpolitik oder feministische Widerstände. Sie spezialisiert sich auf Russland und den Westbalkan. Ihr dreijähriges Forschungsprojekt untersucht den Nutzen und die Entstehung des Narrativs der Verteidigung "traditioneller Werte", um die aggressive russische Aussenpolitik zu rechtfertigen. Leandra Bias untersucht dies anhand von Putins Reden, um herauszufinden, ob dieses Narrativ beständig vorhanden ist oder rund um militärische Interventionen zunimmt. Dadurch möchte sie herausfinden, ob der Anti-Gender Politik eine Begleiterscheinung des Autoritarismus ist oder ob er eine strategische aussenpolitische Funktion erfüllt. Sie hat ausserdem gemeinsam mit Prof. Michèle Amacker (IZFG) die Co-Leitung des Horizon Europe Projektes UNTWIST: Policy recommendations to regain ‘feminist losers’ as mainstream voters inne.

Ziele der Plattform

In einem ersten Schritt planen die involvierten ForscherInnen eine Intensivierung des bereits begonnenen fachlichen Dialogs mit dem Ziel, sich gegenseitig Denkanstösse zu geben, Synergien zu nutzen und so durch die Expertise und die Erkenntnisse der anderen Fachdisziplinen innovative Impulse für die eigenen, ebenfalls interdisziplinär angelegten Habilitationsprojekte zu erhalten. In einem nächsten Schritt möchte die Plattform als interdisziplinäres Forum für WissenschaftlerInnen dienen, die sich mit dem südosteuropäischen bzw. ostmitteleuropäischen Raum auseinandersetzen. Vorgesehen sind u.a. eine weitere Vernetzung mit Forschenden anderer Fachrichtungen sowie eine sukzessive räumliche Ausweitung des Themenkomplexes „Sprache, Gewalt und Gewalterfahrung“ insbesondere in Richtung Osteuropa (z.B. Donbass-Gebiet/Ukraine, Belarus).

Räumliche Erweiterung der Plattform unter Berücksichtigung des Ukraine-Kriegs

Die ohnehin geplante, sukzessive räumliche Ausweitung des Themenkomplexes „Sprache, Gewalt und Gewalterfahrung“ in Richtung Osteuropa (Donbass-Gebiet/Ukraine, Belarus) wird aktuell auf erschreckende Weise vom weltpolitischen Geschehen eingeholt. Der seit Ende Februar 2022 laufende Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine führt die hohe Dynamik und Instabilität dieser Region im Herzen Europas vor Augen und demonstriert die enorme Relevanz, die Geschehnisse und gesellschaftlichen Entwicklungen in diesen vermeintlichen „Randgebieten“ ehemaliger europäischer Vielvölkerstaaten – sei es der Sowjetunion oder Jugoslawiens – einer verstärkten wissenschaftlichen Analyse zu unterziehen. Gerade in Bezug auf den ursprünglichen Forschungsschwerpunkt der Plattform, den südosteuropäischen Raum, ergeben sich im Kontext des Ukraine-Kriegs zahlreiche neue Fragestellungen. Die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien befinden sich grösstenteils noch immer in einem gesellschaftlichen Transformationsprozess und einer relativ instabilen politischen Lage. Durch den Einfall Russlands in die Ukraine besteht die Gefahr, dass eine Kettenreaktion ausgelöst wird, und dass auch auf dem Balkan ungelöste Konflikte und Separationsbestrebungen neue Nahrung bekommen. Seit langem bestehen beispielsweise intensive politische und persönliche Beziehungen zwischen Milorad Dodik, dem Führer der bosnischen Serben, dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić und Vladimir Putin. Zudem fungiert Russland auf dem Balkan immer wieder als „Troublemaker“ bzw. „Spoiler-Power“ – sei es in Serbien, Bosnien-Herzegowina oder bei dem Putschversuch in Montenegro 2016. Aufgrund dessen kann nicht ausgeschlossen werden, dass nationalistische Kräfte auf dem Balkan versuchen, die Situation in der Ukraine für sich zu nutzen, um neue gesellschaftliche Spannungen und politische Eskalationen zu provozieren. Entsprechend wichtig erscheint es – gerade vor dem aktuellen Hintergrund – die Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Regionen zukünftig verstärkt und damit auch im Rahmen der Forschungsplattform in den Fokus zu nehmen.

Verantwortlich

  • Dr. Elias Bounatirou, Institut für Slavische Sprachen und Literaturen Universität Bern
  • Dr. Rebecca Krug, Institut für Slavistik, Turkologie und zirkumbaltische Studien Johannes Gutenberg-Universität Mainz/Deutschland
  • Dr. Franziska Anna Zaugg, Historisches Institut Universität Bern

Veranstaltungen

Konferenz

International Interdisciplinary Conference on Language, Violence and the Search for Peace in Eastern and South-Eastern Europe, November 17-18

Diese Konferenz wird sich mit Sprache, Gewalt und sprachlicher Gewalt in Ost- und Südosteuropa im 20. und 21. Jahrhundert beschäftigen. Das Thema hat durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und den damit einhergehenden Krieg der Worte an Bedeutung gewonnen. Darüber hinaus wird die Relevanz des Themas durch die Situation auf dem westlichen Balkan unterstrichen. Dies zeigt sich beispielsweise an den zunehmenden Spannungen im Kosovo zu Beginn dieses Jahres oder an den ethnischen Konflikten, die die Wahlen in Bosnien dominierten, und der Art und Weise, wie die Wahlen in Politik und Medien behandelt wurden. Das Konzept der Konferenz ist bewusst recht breit angelegt, was die Disziplinen angeht. Die Referate stammen aus den Bereichen Geschichte, Linguistik, Literaturwissenschaft, Pädagogik, Theologie, Politikwissenschaft, Kulturwissenschaft und Soziologie. Neben den Vorträgen umfasst die Konferenz auch eine Podiumsdiskussion. Die Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch.